Als ich fünf war, ging meine Zwillingsschwester in die Bäume hinter unserem Haus – und kam nie zurück. Die Polizei sagte meinen Eltern später, man habe ihre Leiche gefunden. Aber ich sah nie ein Grab, nie einen Sarg. Nur Jahrzehnte des Schweigens und dieses nagende Gefühl, dass die Geschichte nie wirklich zu Ende erzählt worden war.
Ich heiße Dorothy, bin 73 Jahre alt, und mein ganzes Leben lang hat mir ein Teil gefehlt – geformt wie ein kleines Mädchen namens Ella.
Ella war meine Zwillingsschwester. Wir waren fünf, als sie verschwand.
Ella saß in der Ecke mit ihrem roten Ball.
Wir waren nicht einfach Zwillinge, die am selben Tag geboren wurden. Wir teilten ein Bett, teilten Gedanken. Wenn sie weinte, weinte ich. Wenn ich lachte, lachte sie lauter. Sie war die Mutige. Ich folgte ihr.
An dem Tag, an dem sie verschwand, waren unsere Eltern bei der Arbeit, und wir waren bei unserer Großmutter.
Ich war krank. Fieber, der Hals wie Feuer. Oma saß auf der Bettkante und legte mir einen kühlen Waschlappen auf die Stirn.
„Ruh dich aus, mein Schatz“, sagte sie. „Ella spielt leise.“
Ella saß in der Ecke mit ihrem roten Ball, ließ ihn gegen die Wand springen und summte vor sich hin. Ich erinnere mich an das dumpfe Aufprallen, an das Geräusch des Regens, der draußen einsetzte.
Dann schlief ich ein.
Als ich wieder aufwachte, war etwas falsch im Haus.
Zu still.
Kein Ball. Kein Summen.
„Oma?“, rief ich.
Keine Antwort.
Sie stürmte herein, die Haare zerzaust, das Gesicht angespannt.
„Wo ist Ella?“, fragte ich.
„Sie ist bestimmt draußen“, sagte sie. „Du bleibst im Bett, ja?“
Ihre Stimme zitterte.
Ich hörte, wie die Hintertür aufging.
„Ella!“, rief Oma.
Dann kamen die Polizisten.
Keine Antwort.
„Ella, komm sofort rein!“
Omas Stimme wurde schrill. Dann Schritte, hastig und panisch.