Eines Nachts nahm ich meine alte Navy-Taschenlampe und die Ersatzschlüssel, die Martha immer in der Küchenschublade versteckt hatte. Ich hatte diesen Schlüsselbund tausend Mal im Laufe der Jahre gesehen – Schlüssel zu allem im Haus und sogar zu manchen Nachbarnsachen.
Ich ging die knarrende Treppe hinauf und stand vor der verschlossenen Dachbodentür. Einen nach dem anderen probierte ich jeden Schlüssel von Marthas Ring – keiner passte.
Das kam mir sehr merkwürdig vor. Martha hatte alles an diesem Schlüsselbund: Schuppen, Keller, alte Aktenschränke und sogar Autoschlüssel von Fahrzeugen, die wir vor Jahren verkauft hatten. Aber nicht den Schlüssel für den Dachboden.
Schließlich, frustriert und neugieriger als je zuvor, holte ich einen Schraubendreher aus meiner Werkzeugkiste und hebelte das alte Schloss auf.
In dem Moment, als ich die Tür aufstieß, schlug mir der muffige, schwere Geruch entgegen. Es roch nach alten, zu lange verschlossenen Büchern. Aber da war auch noch etwas anderes, metallisches, das mir den Magen umdrehte.
Ich schaltete die Taschenlampe ein und trat hinein.
Auf den ersten Blick wirkte der Raum normal. Kartons stapelten sich an den Wänden, alte Tücher lagen über Möbeln – genau wie Martha es immer gesagt hatte. Aber mein Lichtstrahl wurde immer wieder in die hinterste Ecke gezogen.
Dort, alleine sitzend, als würde es auf jemanden warten, stand eine alte Eichenkiste. Schwer aussehend, mit Messingbeschlägen, die grün angelaufen waren. Und fest verschlossen mit einem weiteren Vorhängeschloss, noch größer als das an der Tür.
Ich stand eine lange Weile da, starrte die Truhe an und lauschte meinem eigenen Herzschlag, der in der Stille widerhallte.
Am nächsten Morgen fuhr ich wie gewohnt zur Reha.
Martha machte gerade ihre Physiotherapie, arbeitete hart daran, ihre Kraft zurückzugewinnen, und schien guter Dinge. Ich beschloss, vorsichtig zu testen, wie sie reagieren würde.
„Martha, Liebling“, sagte ich, setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett. „In letzter Zeit höre ich nachts manchmal Kratzgeräusche. Dachte erst, wir hätten Tiere auf dem Dachboden. Was ist in dieser alten Truhe von dir da oben?“
Die Veränderung in ihr war sofort und furchterregend. Alle Farbe verschwand aus ihrem Gesicht, ihre Hände zitterten so stark, dass sie das Wasserglas fallen ließ, das zerbrach.
„Du hast sie nicht geöffnet, oder?“ flüsterte sie, die Augen weit aufgerissen vor Panik. „Gerry, sag mir, du hast diese Truhe nicht geöffnet!“
Ich hatte sie noch nicht geöffnet, doch die Angst in ihrer Stimme war nicht normal. Es ging hier nicht um alte Möbel oder staubige Kleidung. Es ging um etwas viel Größeres, viel Wichtigeres.
In dieser Nacht konnte ich keinen Schlaf finden. Ich wälzte mich hin und her, dachte an Marthas Gesicht, an die Art, wie ihre Stimme zitterte, als sie nach der Truhe fragte. Die Neugier fraß mich innerlich auf und verlangte Antworten, auf die ich vielleicht noch nicht bereit war.
Gegen Mitternacht gab ich das Schlafen endgültig auf. Ich ging in die Garage, holte meine alten Bolzenschneider und stieg noch einmal die Treppe hinauf.
Das Schloss an der Truhe ließ sich leichter knacken, als ich erwartet hatte. Meine Hände zitterten, als ich den schweren Holzdeckel hob – und das, was ich darin fand, ließ mir die Knie weich werden.