Ich hatte meine Tochter jahrelang nicht gesehen, also hätte ich nie erwartet, einen Teil ihres Lebens bei einem Fremden wiederzufinden. Was der Fremde zu mir sagte, ließ die Welt fast stillstehen.
Es waren drei Jahre, zwei Monate und vierzehn Tage vergangen, seit meine Tochter Lily verschwunden war.
Ich wusste das, weil ich die Tage gezählt hatte. Ich zählte sie an Ampeln und wenn ich um drei Uhr morgens aufwachte, die Decke anstarrte und mich fragte, wo meine Tochter schlief und ob sie sicher war.
Lily war 18, als sie ging.
Ich zählte die Tage.
Ihr Vater hatte uns verlassen, als sie sieben war, also waren es immer nur wir beide. Wir hatten unsere eigenen stillen Routinen in unserem kleinen Haus aufgebaut. Sonntagmorgen Kirche, danach Pancakes. Späte Gespräche am Küchentisch, wenn Lily nicht schlafen konnte.
Früher legte sie ihren Kopf auf meine Schulter, während wir freitagabends alte Filme schauten.
Lily war meine ganze Welt.
Und jahrelang schien es, als wäre Liebe genug, um ein Kind großzuziehen.
Dann wurde Lily älter, und ich, Mara, wurde strenger.
Ich sagte mir, ich würde sie beschützen. Die Welt war nicht freundlich zu jungen Mädchen, die zu leicht vertrauten. Ich wollte, dass sie sich auf die Schule konzentriert und eine Zukunft aufbaut, die nicht wegen einer unüberlegten Entscheidung zerbricht.
Vielleicht habe ich zu fest gehalten. Damals sah ich es nicht.
Aber wir liebten einander leidenschaftlich.
Die letzte Nacht, in der ich sie sah, trommelte der Regen gegen das Küchenfenster, während wir uns am Tisch gegenübersaßen.
Ich wollte sie beschützen.
Lily war spät nach Hause gekommen. An diesem Abend bemerkte ich die verschmierte Mascara unter ihren Augen.
„Wo warst du?“ fragte ich.
„Draußen“, sagte sie. „Mit Freunden.“
„Wo draußen und mit welchen Freunden?“
Sie seufzte müde. „Warum wird jede Antwort zu einem Verhör?“
„Weil du in meinem Haus lebst und ich das Recht habe zu wissen, wo du bist.“
Sie lachte, doch es war kein Humor darin. „Ich bin 18, nicht acht.“
„Und Teenager treffen täglich schlechte Entscheidungen.“
Ihr Blick verhärtete sich. „Also denkst du so von mir?“
„Wo warst du?“